Mein Freund, der Feind

Mai 19th, 2011 § 1 Kommentar

Ohne Feindbild ist alles doof. Denn dann sitzt unser gemäß staatlich anerkannter Selbsteinschätzung chronisch unterforderter und deshalb gelangweilter Geist in unserem Dickschädel so träge rum wie eine tumbgähnende matschige Tomate in einem Eierbecher. Wer mag, nimmt sich Lebensmittelfarbe und pinselt ein grinsendes Gesicht drauf, wer nicht mag, pinselt ein grimmiges Gesicht drauf und wer gar nicht mehr mag, sucht den Golfschläger, der das welke Fleisch mit einem gezielten Schlag aus der Schwerkraftmisere hinausbefördert.

Wer sich über die Jahre noch nicht zuviel Farbe in die Augen geschmiert hat, findet nach kurzer Aufmerksamkeit auch schnell einen dankbaren Bösewicht für diese ehrenamtliche Aufgabe.

Was begleitet uns unser ganzes Leben und wirft sich walrossschwer in die Waagschale der positiven Emotionen, wenn wir im Säuglingsalter mit deutlich zu inkompatiblen Kommunikationsmöglichkeiten merken, dass etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte?

Richtig: Nichts.

Hatten wir nicht unter Einsatz der letzten verfügbaren Kräfte unsere Hungersnot in die Welt hinausgebrüllt und Mutti hat mal wieder nur Nichts bemerkt?

In der Schulzeit hat uns Nichts dazu gebracht, pünktlich, aufmerksam und so fleißig wie die japanische Austauschschülerin zu sein.

In der Pubertät haben wir verzweifelt in der Unterwäscheabteilung nach etwas gesucht, was auch Nichts halten kann und als unser erster Verehrer mit pickligem Gesicht und einem Esgibtkeinengottmetallmonster (lange vor den Zeiten der unsichtbaren oder farblich angepassten Zahnspangen) im Mund vor uns stand, hat uns Nichts heldenhaft aus der Situation gerettet!

Nichts macht seine Arbeit schon wirklich gut, wäre aber nur halb so erfolgreich ohne seinen Busenfreund „Niemand“:

Niemand hat uns schon oft dazu überredet, nach dem zweiten Glas Wein das dritte, vierte und fünfte alkoholische Getränk zu verweigern und stattdessen auf Saftschorlenbasis tiefschürfende Diskussionen zu führen.

Niemand ist auch dafür verantwortlich, dass wir uns heutzutage wundern, für Wohnung, Schuhe und Urlaub täglich Dinge für andere Menschen tun zu müssen. Denn Niemand hatte uns eigentlich mal versprochen, dass Geldverdienen leicht ist. Wir haben tatsächlich Niemandem geglaubt.

Nichts und Niemand sind zu einem Siegerteam zusammengewachsen und katapultieren uns dank dem Zusammenspiel diverser Trägheits- Ballistik- und anderer Physikgesetze mit einem gezielten Schlag durch die Lüfte.

Höhe, Geschindigkeit und Aufprallort liegen selbstverständlich auch nach dem erfolgreichen Casting unserer Feindbilder nicht in unserer Hand.

Aber es hat ja auch keiner behauptet, dass wir Selbstbestimmung wollen.

Wir wollen bloß jemanden, dem wir die Schuld in die Schuhe schieben können.

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Nichts und Niemand

Nur heute im kombinierten Vorteilspack für den Preis von einem!

Erhältlich in jedem gutsortierten Schizophrenieladen.

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Der Stärkere mampft

Mai 7th, 2011 § 1 Kommentar

So kann das ja nichts werden. Da findet ein Paradebeispiel an natürlicher Selektion statt und ich muss es auch noch am eigenen Leib erfahren.

Monatelang dümpelte dieses Blog im seichten Gewässer vor sich hin, als ich mich in frühlingseuphorischem Leichtsinn endlich entschloss, eine Runderneuerung zu starten.  Neues Kleid, neue Ideen, neues Parfum, neue Ohrringe, neue Schuhe, neue….

…äh, wo bin ich stehengeblieben? Ach ja: SO LEICHT IST DAS ABER NICHT!

Zwischen theoretischer Zielerfassung und bestaunbarem Ist-Zustand haben sich viele überengagierte Stöcke in den Kamikazeeinsatz geworfen. Hätten sie geahnt, dass ich erst Kleinholz aus ihnen mache und sie dann in Form von Streichhölzchen an Kindergärten verkaufe, wo sie mit klebrigen Fingern erst zerbrochen und dann zu anatomisch aberwitzig dimensionierten Krüppelmännchen  wieder zusammengepappt werden – ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es gelassen hätten und heute nicht mit verbissener Miene auf dem Fenstersims zwischen der Kastanienkuh Helga und dem Pastaklebebild „Sonnenblume“ Dartpfeile auf mein Porträtbild pfeffern würden.

Aber die naiven Stöckchen mit Lemmingmanier sind natürlich nur ein Vorgeschmack auf die richtigen Hürden gewesen. Quasi das Übungslevel, in dem man die Tastenkombinationen für seine Tritt-, Schieß- und Sprungtechniken austestet, bevor man ins richtige Spiel losgelassen wird.

Level 1: Engelchen und Teufelchen

Tatsächlich widmen sich die beiden sonst so stolzen und selbsternannten „Dr. ev. kat. bud. etc. Moralprofis“ in Zeiten von akuter Langeweile auch der profanen Aufgabe der Evolutionunterstützung. Hätten sie das mal lieber den Fachspezialisten überlassen! Dann würde Amors Pfeil heute in den butterweichen Zuckergussherzen ihrer jeweiligen favorisierten Liebesgespielen stecken und bis ans Ende ihrer aller Tage Rosa-Glitzer-Einhornhormone ausströmen.

Aber nein – stattdessen haben Engelchen und Teufelchen lieber mitmischen wollen und sich mit ihrem ständigen Wenn-Dann-Aber-ICHICHICH-Generve auf ihren Premiumplätzen meiner Schultern zum leichten Ziel gemacht. Zack – ist erst der eine, Zack – und schon der andere dank Amors Pfeilen an die hinter mir liegende Zimmerwand getackert worden und geben seither eine hübsche Wanddeko über dem Klavier ab.

Kann ja auch mal vorteilhaft sein, wenn einem Amor noch ein paar Gefallen schuldet.

Level 2: Die Heinzelmännchen

Also ehrlich gesagt kenne ich ja niemanden, der mit seinen Heinzelmännchen auch nur annähernd zufrieden ist. Ich hatte Auftrag für Auftrag in der festen Überzeugung rausgeschickt, dass sich schnellstmöglichst – in Heinzelmännisch also „über Nacht“ – drum gekümmert wird. Aber stattdessen stapelten sich die Auftragszettel unangetastet im Heinzelmännchenablagefach und mimten einen Staubflunsel-Massenschlafplatz. Eines Nachts bin ich auf die Suche gegangen um herauszufinden, warum die Faulpelze denn so gar nichts mehr erledigen: da sah ich die ollen Saufnasen doch tatsächlich unterm Sofa im halbkomatösen Zustand um die Wette meiern! Sabotage feinster Art, sag ich da nur. Mir blieb nichts anderes übrig, als allesamt fristlos zu entlassen. Mein Glück, dass Heinzelmännchen so üble Bürokratiefanatiker sind, an die Klausel, die Alkohol am Arbeitsplatz ausschließt, hatte ich zum Glück vor Vertragsschluss gedacht. Alle sind ohne Murren abgezogen.

Level 3, Final Level: Der innere Schweinehund

Ich war schon weit gekommen, aber der Endgegner, Mr. Big Boss persönlich, wartete ja noch auf mich: der innere Schweinehund!

Es gibt keine verlässlichen Aussagen über sein Aussehen, da ihn wegen seines lichtscheuen und hinterlistigen Wesens noch niemand zu Gesicht bekommen hat. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass er wie der Gott in Southpark aussehen muss (Link: …ach, googelt doch selber), etwaige Anmerkungen zu  inhaltlichen Taktlosigkeiten werden an dieser Stelle ignoriert, Beschwerden bitte an mail@southpark.de.

Doch wo finde ich jetzt dieses blöde Vieh? Bis an die lackierten Fußnägel bewaffnet lieferten bisher weder Metalldetektor, Wünschelrute, Geigerzähler, Nachtsichtgerät noch Infrarotkamera verwertbare Hinweise auf den Aufenthaltsort dieser Kreatur.

Es wird doch nicht..?

Na klar!

Das feige Ding hat sich aus dem Staub gemacht, als es gesehen hat, wie schnell ich ihm auf die Pelle gerückt bin! Ging ja für einen Vollprofi wie mich auch kinderleicht und gleichzeitig hab ich neues Blogfutter geschaffen. Nun noch schnell ein neues Layout bas…

„Huch?“

*mampf*

Es lebe der technische Fortschritt…

Februar 27th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

…denn die Menschheit wird’s nicht mehr lange machen…

Die Chancen stehen nicht schlecht. In kürzester Zeit könnten ein paar unserer lebenserleichternden Sinne wieder zum Amöbenstatus verkümmern, wenn wir weiterhin, wie bereits so oft in der ruhmreichen und selbstreflektierten Geschichte der zweibeinigen Nichtflügler,  zu Gunsten des kurzweiligen Vergnügens uns  mal wieder selbst den Arterhaltungstreib ausschalten.

Für rittersportminiformatige Gerätchen machen wir uns zu Affen – und zwar nicht zu irgendwelchen, sondern zu denen aus dem japanischen Sprichwort:

Nichts sehen

Nichts hören

Nichts sagen

ist die per Playtaste aktivierte Auto-Sofort-Isolation, wenn kleine, meist apfelbedruckte  Zauberkistchen ihre Stimmen zu einem Wolfgang-Petry-Scooter-Rammstein-Marianne-Rosenberg-Mashup vereinen. Schwupps – wird im selben Moment mimiksensiblen Rhetorikfetischisten durch die vollständige Überbesetzung des Hörsinnes bis auf Weiteres das Nutzungsrecht der übrigen vier entzogen. Die Auswirkungen dieses Extrememonkeyings entwickeln sich wie immer am allerbesten auf der Abklatschprobe des Pöbels – in den öffentlichen Verkehrsmitteln – zu unübersehbar grotesken Schauspielen.

Das beginnt bereits bei der Vorbereitung des Scheuklappengenusses:

In Faultiertempo werden die nach der letzten Benutzung liebevoll in die trendige LKW-Planen-Tasche geknüllten 3-Meter-Kabel unter Inanspruchnahme des erreichbaren Bewegungsradius’ entknotet. Schnittmengen mit Bewegungsradien eventuell vorhandener Sitznachbarn werden ebenso wie die daraus resultierenden bösen Blicke mit stoischer, ja fast schon autistisch anmutender Perfektion ignoriert.

Können die Gehörgänge endlich mit dem weichen Silikon – noch gut geschmiert von der letzten Benutzung – zugepfropft werden, scrollen, klicken oder schieben sich die Hoffnungszerstörer der Zukunft duch die zusammenraubkopierte Musikbibliothek. Sofort macht sich ein stumpfseligglücklicher Ausdruck der Entspannung im Gesicht breit, der puren Neid erwecken könnte, würde man nicht den traurigen Weiterverlauf der Geschichte kennen:

Sämtliche, durch jahrtausendelange Evolution ausgeklügelte Kommunikationstechniken werden per Sofortreset auf Null gesetzt und weichen präneanderthalensischen Grunzlauten und rüder Körpersprache.

„Lassen Sie mich mal bitte durch?“ auf Präneanderthalensisch (PNT):

„Gnn… hm n..urch?

„Ich müsste hier aussteigen…?“ auf PNT, wenn er selbst am Fenster sitzt:

*schiebquetschhinterninsgesichthalt*

Die Antwort eines PNT auf „Lassen Sie mich mal bitte durch?“ wenn dieser am Gang sitzt:

“ — „

Die Antwort eines PNT auf „Darf ich mich bitte setzen?“ einer Schwangeren oder von Senioren:

brüllend „Hä?“

To be continued…

 

Vorbestellungen für das Langenscheidt Wörterbuch

„Präneanderthalenisch – deutsch, deutsch Präneanderthalensisch“

ab dem 01.04.2011 bei Amazon.

Nimm dies, Du..Du…..ähhh….

Dezember 13th, 2010 § 11 Kommentare

„Du kannst mich mal.“

„Und Du mich erst.“

„Ach ja?“

„Ja.“

„Na dann…“

Darf ich vorstellen: Mrs. „Immer-zweimal-mehr-wie-du“ beim kl(t)äglichen Scheitern an angewandter Verbalschlagfertigkeit.

In neuester Fachliteratur als das „Du-mich-auch“-Syndrom bekannt, gilt diese kreativ-linguale Subentwicklung als äußerst schwer behandelbar und geht  meistens mit akutem Nerdismus, postnataler Uncoolness oder einer freakophilen Grundeinstellung einher.

Was sich durch das gesamte Leben zieht, ist in frühen Jahren noch mit simplen Algorithmen lösbar. Auswendig gelernte Parolen machen im Grundschulalter jedes bösartig heranwuchernde Zicklein mundtot. Kommt wer mit „Du blöde Kuh!“ an, scannt man sich per Randomverfahren durch das Retourkutschen-Verzeichnis und entscheidet sich für das den Schlagfertigkeitsfähigkeiten angemessene Totschlagargument:

„Selber, selber, da lachen ja die Kälber!“.

Begleitet von einem nur Kindern vorbehaltenen, bestialischen Grinsen, vorgetragen in traumatisierendem Horrorfilmvorlagen-Singsang, sorgen seit jeher die einen für die späteren Psychotherapiekosten der anderen.

Das scheinbar auf Dauerwettkampf programmierte Wesen „Mensch“ entwickelt seine Fähigkeiten mit den Jahren aus purer Angst vor evolutionstheoretisch bedingter Auslese weiter und passt sich seiner Umgebung an. Aus dem gerngenutzten kuhjungtierdiskriminierenden Spruch entwickelt sich kurze Zeit später die „…wenn-der-Topf-aber-nun-ein-Loch-hat“-Taktik:

„Spiiiegel!“

„Doppelt Spiegel!“

„Spiegel mit Selbstschussanlagen!“

„Spiegel mit selbstschussanlagenzerstörenden Automatiklasern!“

…etc.

In  marianengraben-niveautechnisch angesiedelten Gruppen reift dagegen über die Jahre ein einziger Ausdruck als allmächtges Wundermittel heran:

„…deine Mudda…“

In beliebigem Satzkontext eingebaut, macht es jeden Gegner noch im selben Moment mundtot. Es sei denn natürlich, dieser versucht seinen Herausforderer mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen und entfacht dadurch ein selbstredend nicht persönlich gemeintes Erzeugerinnen-Shitstorm-Ping-Pong. Ehrgeizige Spieler trainieren teilweise täglich bis ins hohe Alter ihre Konditionen mit erstaunlichen Ergebnissen.

Während in anderen Schichten mit Wikipedia-Artikeln geschossen wird, lässig-neunmalklug auf die vorwurfsvolle Google-Seite verwiesen wird, gibt es nur eine einzige Gruppe, die ich um ihre Fähigkeiten uneingeschränkt beneide. Denn die wahre Schlagfertigkeit lässt sich nicht auswendig lernen oder auf wiederkehrende Schemata anwenden, wie manch kommerziell motivierte Coaches oder Websites einen glauben machen wollen.

Die wahre Schlagfertigkeit ist individuell, kontextbezogen, immer einen Hauch dreister, als man es erwarten würde, balanciert einen Haarspalt unter der Grenze zur Beleidigung und wirkt durch gekonntes Minenspiel charmant, obwohl einem die beidseitige Backpfeife in den Fingern juckt. Künstler der wahren Schlagfertigkeit haben viele Freunde, sind erfolgreich und haben immer ein Brötchen mehr in der Tüte, als sie bezahlt haben.

Voilà, c’est moi!

Ich bin eine echte Meisterin der Schlagfertigkeit, glänze mit rhetorischer Kreativität, immer perfekt auf den Gesprächspartner abgestimmt, verblüffend unvorhersehbar, könnte durch raffinierte Selbstvermarktung als „Konter-Fee“ ganze Länder aus ihren finanziellen Miseren befreien.

Es gäbe nur eine Voraussetzung:

 

 

man müsste mir einen klitzekleinen Zeitanhalter erfinden.

 

 

Denn all das, alle kreativen Ideen, alle perfektionierten Satzkonstruktionen und Argumentationen, die den Gesprächspartner mit offenem Mund sprachlos zurücklassen, laufen durch ungeschickt gewählte Wege leider 1,25 Einsätze zu lange durch meine Gehirnwindungen. Was dann zum Vorschein kommt, ist so nutzlos wie ein Tacker in einer Origamigruppe, denn es ist schlicht zu spät. Auf meiner Stirn prangt in blutroter Leuchttinte bereits der Stempel „uncool“.

Und so friste ich mein Dasein als ewige Schlagfertigkeitstheoriequeen und hoffe, dass meine Bild- und Tonspurasynchronität irgendwann mal repariert wird. In der Zwischenzeit überlege ich, ob das Zurückgreifen auf das bewährte „Selber!“ eine Verbesserung oder eine Verschlechterung der Situation wäre.

Ich bin irre, also bin ich

November 28th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zu schade, dass es nicht häufiger passiert.

Jeder Tschakka!-Motivationstrainer wäre ein lächerlicher Vorprogrammspieler gegen eine simple, höhere Frequenz solcher ehrgeizboostender Ereignisse.

Vermutlich würden durch noch regelmäßigere Nahrung als jetzt schon die dadurch anwachsenden Kräfte zu unkontrollierten Riesenscheusalen mit 27 Armen werden und einmal entfesselt zuerst die Weltherrschaft an sich reißen und danach universenweit DAS verbieten:

Fußballspiele zu Feierabendzeiten

Meine Stimme hätten sie, das steht fest.

Wer jetzt das kleinste „Aber…“-Piepschen von sich gibt oder den Finger einen Nanometer Richtung Aufstand erhebt, dem lege ich SUBITO Arme und Beine in Ketten, klemme ihm Streichhölzer zwischen Lider und Nasenlöcher und schleife ihn auf meinem Nachhauseweg hinter mir her, wenn gerade wieder die ignoranten Intelligenzbolzen von geldgierigen Organisatoren zum gesellschaftlichen Anglotzen kniebestrumpfter Halbstarker aufgerufen haben.

Einsicht ist mir gewiss. Wer nach einem Arbeitstag als unbeteiligter, nichtfußballfanatischer Nüchterner bestimmte öffentliche Verkehrsmittel besteigt, hat es auch nicht anders verdient, eine durch einen Maschinenfehler doppelt bepackte Sardinendose wäre verglichen mit der fußballfanbestopfter S-Bahn ein idyllisches Naherholungsgebiet.

Das „Ich-vereine-Körperausdünstungen-aller-100-Wageninsassen“-Kondensat an den Fenstern verschleiert den Anblick, der sich von außen auf die Kuschelmeute Irrer in Einheitstracht ergibt. Wer – wie ich – keine Lust hat, das Feld zu räumen und den eigenen Feierabend zugunsten des Quetschkomforts dieser Temporärverrückten zu opfern, versucht alle für Sinneswahrnehmungen bestimmten Körperöffnungen zu schließen und sich vor dem Eintreten in die reizüberflutende Lebendhölle in einen autistischen Zustand zu versetzen.

Mit geöffneten Bierdosen unter der Nase, in selten gewaschene, müffelnde Fanshirt-Achselhöhlen zwangseingekuschelt, die alkoholfahnen- und sammelschweißgeschwängerte Luft einsaugend, verharre ich in einer Bewegungsstarre, die jeden Stein neidisch machen würde.

Ich zähle die Sekunden.

Jede Station wird zum Sauerstofflieferanten in letzter Sekunde, bevor mich das erlösende Schwarz mit schwerkraftdemonstrierenden Auswirkungen erreichen kann. Aber die Angst vor der Bierlache auf dem Boden und das Mantra „gleichvorbeigleichvorbeigleichvorbei…“ nährt meinen Lebenserhaltungstrieb. Wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden, sorgt eine gute-Laune-Welle für Suizidgedanken: mit einer Lautstärke-schlägt-richtigen-Ton-Einstellung pflanzt sich simultanes Gebrülle durch den ganzen Wagen, begleitet von Koloss-Schunkelungen, die meine Steinstarre einer wachsweichen Sofortresignation widerspruchslos weichen lässt.

 

…die Welt geht unter…

…sind das meine letzten Minuten?

…anders kann es in der Hölle auch nicht sein…

Hilfeeeeee! Holt mich hier raus!!!!

 

*Pfffffft*

Mit einem Seufzer öffnet sich die Höllenpforte. Wie eine angepiekste Wasserbombe entlädt sich das Wageninnere durch den geöffneten Spalt nach draußen und lässt mich und wenige andere erschöpfte Überlebenskünstler in der Bahn zurück. Gemeinsames Kopfschütteln und vor Erleichterung hysterisches Lachen macht aus Fremden die nächsten zwei Minuten Freunde. Bis zur nächsten Station. Da muss ich raus.

Ruhe.

Feierabend.

Uff.

Ich kann ja auch anders…das kleine Sarkasmus-Time-Out:

Oktober 19th, 2010 § 1 Kommentar

Die beim Web-2.0-Normleser typischerweise vorhandene Selbstüberschätzung der eigenen Kombinations- und Interpretationsfähigkeit, hat sicherlich bei dem einen oder anderen den völlig abstrusen Eindruck erweckt, dass sich hinter meinen so liebevoll ausgewählten und mit Leben gefüllten Artikelthemen eine verbitterte, menschenverachtende und bemitleidenswerte Sozialinkompetenz befindet. Dies stimmt zu einem Siebenfünfachtel (verstoßene, sowie erwunschträumte multiple Persönlichkeiten mit eingerechnet), das andere Vierdreizwölftel möchte ich nun endlich mit der Menschheit teilen und die restlichen Dreißigeinachtel behalte ich lieber für mich (Attention please, embedded Freak-Leckerli).

Nein, ich kann wirklich anders. Meistens mag ich zwar nicht, aber im goldenen Schein der ersten, durch Unterdrückung vorhandener pyromanischer Adern friedlich flackernden Kerzenflämmchen löst sich in mir nun der Wunsch, einen Brocken der Verwirrung in die Welt zu werfen. Ganz getreu dem Motto: Es ist doch nichts langweiliger als Vorhersehbarkeit.

„Ich mag Menschen.“

So, zack!

Nein, halt:

„Ich mag Menschen, die überraschend handeln“.

Das ist besser.

Zwar kann ich nicht leugnen, dass auch Menschen, die mich negativ überraschen, eine gewisse Art der „Anerkennung“ von mir zugesprochen bekommen, aber – wie im vorangegangenen Abschnitt durch die Verwendung der euphemistischen Adjektive zaghaft angedeutet – geht es diesmal um Menschen, die positiv überraschen.

Menschen, die freiwillig positiv überraschen.

Menschen, die anonym und freiwillig positiv überraschen.

Das widerspricht jeglichen philosophischen Grundsätzen des Egoismus’ als Antrieb allen menschlichen Handelns, an die ich mein Leben lang glaubte und deren Argumentationskreis sich bisher auch stets schloss, deshalb irritiert mich das so.

Seit ich selbst im vor interaktiv-kontraerwartungsgemäß handelnden Individuen strotzenden Web 2.0 unterwegs bin, begegnet mir zu meiner anfänglichen Verwunderung immer öfter diese eigendynamische, friedliche Selbstjustiz.

Sei es, dass in Foren vor „Trollen“ gewarnt wird, dass diskriminierende Ausrutscher einen „Shitstorm“ auslösen, oder dass fehlender Respekt, missachtete „Netiquette“ oder absichtlich schlampiger Schreibstil einstimmig gerügt und mit sofortiger Ignoranz geahndet wird.

Kaum irgendwo in der realen Welt wird unaufgefordert so mikrometerkariertkleinlich auf den richtigen Umgangston, Sinnhaftigkeit von Beiträgen oder auch die Grenze zwischen Legal- und Illegalität hingewiesen.

Einen Schritt weiter geht es, wenn es sich um zwischenmenschliche Themen handelt. Dann sitzen wildfremde Menschen vor Rechnern und verbringen Stunden, Tage und Wochen damit, sich seitenlange Lebensratschläge, Problemlösungsansätze, Diskussionen und Trost zu liefern, ohne das Gegenüber jemals zu sehen, Honorar oder irgendeine andere Art der Anerkennung dafür zu bekommen, oftmals sogar nicht eindeutig als Mann oder Frau zu identifizieren sind, ganz zu schweigen von Sozialschicht, Altersgruppe oder Nationalität.

Obwohl ich ganz und gar nicht auf flüssige Ausscheidungssekrete in für deren Produktion unbeteiligte Schleimhäute stehe, treiben mir Geschichten wie diese das ekelhaft oft verwendete, sprichwörtliche „Pipi in die Augen“. So viel Anteilnahme, motivierende Energie bis hin zu realistischer finanzieller Hilfe würde wohl kaum einer bekommen, der sich in die Einkaufspassage stellt, fremden Menschen erzählt, er müsse bald sterben und versucht, lediglich ein tröstendes Wort zu bekommen.

Ein Fall, den ich selbst neulich auf der Plattform Twitter miterlebte, hatte ein ähnlich sagenhaftes Ergebnis: trotz prinzipiell berechtigter Zweifel an der Authentizität solcher Vorfälle, wurde Himmel, Hölle und alles was dazwischen liegt in Bewegung gesetzt, um den Erfolg eines gerade angekündigten und durchgeführten Selbstmordversuches zu vereiteln. Da wurde getweetet, retweetet, gesimst und telefoniert, bis die Info schließlich zu näherer Bekanntschaft mit Kontaktdaten vorgedrungen war, die unverzüglich eine Rettung organisierten. In allerletzter Minute, wie sich kurze Zeit später, meiner Meinung nach auch glaubwürdig genug, herausstellte.

Durch solche Fälle, die vermutlich tagtäglich passieren, wird die Welt, die durch das Internet sicherlich ein kleines bisschen schlechter geworden ist, in meinen Augen wieder ein klein wenig besser. Denn sie zeigen, dass Menschen, die sich unbeobachtet fühlen, nicht nur in der Nase popeln, sondern tatsächlich zu aktiv angewandtem Mitgefühl fähig sind. Teilweise sogar eher als in der Realität, wo eine nicht unverbreitete Angst davor herrscht, nicht „richtig“ helfen zu können (z.B. Unfälle), sich selbst in Gefahr zu bringen (Stichwort Zivilcourage) oder auf gefälschte Hilferufe (z.B. Bettler“mafia“) reinzufallen.

 
 
 

So…Sarkasmus-Time-out vorbei, im nächsten Artikel wird wieder über irgendeine verhaltensauffällige Randgruppe gemosert.

Die fabelhafte Welt der Zeitvernichter

September 12th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ab und zu stellt man sich Fragen. Zum Beispiel,

…ob der Kaugummivorrat in der Büroschreibtischschublade noch für die nächste Woche reicht oder man beim Wochenendeinkauf lieber Nachschub besorgen sollte,

…wie lange genau die Blätter noch dicht genug an den Bäumen bleiben, um den aus unerfindlichen Gründen ewig aufgeschobenen Gardinenkauf noch möglichst weit hinauszuzögern

…oder ob da ganz unten in dem seit einer Woche unausgeleerten Papierkorb nicht doch lebensmittelgewesenes Schimmelpotenzial lauert und man sich mit der deshalb bald zu erwartenden Fliegenplage arrangieren könnte.

Manchmal fragt man sich aber auch Tiefgründigeres:

  • Weshalb folgt Bill Gates mir eigentlich nicht auf Twitter?
  • Wieso säuft sich Paris Hilton nicht mal in meinem Wohnzimmer mit Fremdschämgarantie ins Koma?
  • Warum hat mich Donald Trump noch nie nach meiner Meinung zu seiner Haarverlegetechnik gefragt?

Obwohl selbstverständlich jedes einzelne dieser Ereignisse lebensaufopfernde Investitionen wert wären, bin ich  erstmal an der erschreckenden Tatsache hängengeblieben, dass ich, um überhaupt nur höchst theoretisch in den Wahrnehmungsfrequenzbereich dieser „Who’s who der Portokassenoptimierer“-Titelseitenpersönlichkeiten zu gelangen, in meinem Leben schlichtweg noch nicht genug Ruhm und Geld verdient habe.

Ich habe nicht lange überlegen müssen, was zu diesem nicht wegzudiskutierenden Zustand geführt hat:

Ich verschwende einfach viel zu viel Zeit mit unwichtigem Schnickschnack!

Und – welch Überraschung – „Youuuu are not alone“ jauchzte mir meine innere Jacko-Stimme ins Ohr: ca. 99,9% meiner Erdmitvernichter ebenfalls.

 

Würde irgendwer Bares dafür bekommen, könnte man es als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bezeichnen, aber die herzzerreißend hingebungsvolle Zeitverplemperei ist überflüssiger als ein Blinddarm in einem Make-up-Döschen und hindert uns daran, Nobelpreise zu gewinnen, Weltfrieden zu stiften oder der Omi über die Straße zu helfen.

Vielleicht sind die übersprungshandlungsgleichen Zeitfresseraktionen aber auch höherbestimmt. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb man Stunden, Tage und irgendwann vielleicht sogar Wochen damit verbringt, extra für Facebook jede einzelne Pore, jeden Bad-Hair-Day und jeden Tunnelblick-5-Minuten-bevor-ich-mir-die-Seele-aus-dem-Leib-gekotzt-habe abzufotografieren, zu archivieren, zu beschriften,  und jedem, der nicht schnell genug das Stromkabel durchhacken konnte, ohne Ignorierungsmöglichkeiten präsentiert.

Zur bekennenden Zeitverschwendungsgruppe schlechthin als Twitternutzerin gehörend, beobachte ich selbst gerne stundenlang, wie „Tweets“ [Anm. d. Bloggerin: 140 Zeichen-lange Echtzeit-Statements] den Prozess der Enstehens, des „Favens“ [Anm. d. Bloggerin: mit Sternchen versehen und offiziell für gut befinden], des „Retweetens“ [Anm. d. Bloggerin: Mit Hinweis auf den Originalautor wiederholen] erleben und durch den daraus ermittelten „Fickwunschverdacht“ [Anm. d. Bloggerin: Guckstu lieber hier (Anm.v.08.10.: wird gerade überarbeitet)] wieder in den Kreislauf der Aktualität zurückgeführt werden. Ein faszinierendes Naturschauspiel… *seufz*

Meine eigene Spezialität befindet sich in den Untiefen einer Musikbibliothek. Schier unerschöpfliches Potenzial befindet sich hier zum Kategorisieren, Infos Ergänzen, Abspiellisten Erstellen und vor allem: CD Cover aus dem Internet Suchen und Zuordnen! Das kleine Persönchen an den 3.000.000 kleinen Schubladen in meinem Kopf springt bei jedem vollständig inforisierten Lied vor Freude in die Luft, schließt die Schublade zu und -wirft den Schlüssel weg!

Wer nämlich glaubt, dass ich diese Infos irgendwann mal wieder abrufe oder gar iTunes’ Coverflow verwende…     *tssss*

Und so haben sich alle ihre Nischen gesucht. Möchtegernstalkingopfer erstellen nach jedem Schritt einen neuen 4square-Punkt, an dem sie fortan täglich einchecken, andere durchspielen ein einziges PS3-Spiel wieder und wieder, nur um sämtliche Trophäen nach der Schritt-für-Schritt-Walkthrough-Lösung aus dem Internet ihren Freundeslisten zu präsentieren und einige ganz Unbeirrbare verbringen Endlosigkeiten damit, ihre Ablage nach Datum, Absender und Inhalt abzuheften owohl sie ganz genau wissen, dass der gesuchte Zettel immer der ist, der in den falschen Ordner gerutscht ist.

…so, ich geh’ jetzt meine Oberteile nach Farbe sortieren.

„Hey Scotty….

August 19th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

…da ist aber echt was schiefgelaufen…“

Mal drüber nachgedacht, dass die Titelseiten der Tageszeitungen mit der auffällig erhöhten Ausrufezeichenfrequenz auf unserem Riesengyrotwister leer bleiben könnten, wenn doch einfach nur diese Winzigkeit mit der Beamerei etwas besser funktionieren würde?

Es könnte alles so schön sein, aber nööö, Mr. Ich-lass-mich-lieber-ins-All-schießen-Roddenberry-Nachmacher hat seinen Einsatz schlichtweg verpennt.

Das durch Abwesenheit stumpfglänzende Transportmittel mit der Solution-for-everything-Garantie zwingt uns dazu, dass wir uns statt lässig chillend mit „le monde“  immer öfter mit einem hysterisch gekreischten „Mon dieu!“ identifizieren müssen.

Maßlose Übertreibung? Keineswegs:

Hätte der kleine außenzahnbespangte Andrew nämlich vor etwa 30 Jahren die erleichternden Vorzüge der Beamerei genießen dürfen, hätte er vielleicht nicht die Schule wegen seiner Angst vor dem mit mobbender Kindermasse gefüllten Schulbus geschwänzt. Er hätte Jura studieren können, anstatt zu einem gefrusteten Friseur zu werden, der 30 Jahre später die haargewordene Rache an einem Kind verübt, die erschreckende Ähnlichkeit mit einem von einer liebeskranken Schwalbe im Lamborghini-Aerodynamik-Testtunnel aufgehängten Nest hat. Dann nämlich würden heute auch keine pubertierenden Teenies eine ganze Elterngeneration mit Kreisch-Stampf-Türknall-Aufständen wegen des Wunsches nach einer Justin-Bieber-Frisur in die suizidgedankenfördernden Zweifel an dem Verstand der „Jugend von heute“ treiben.

Außerdem hätte Little-Miss-Sunshine-Lindsay-Lohan sicher nicht im volltrunkenen Zustand ihr Auto benutzt und wäre nicht in Versuchung geraten, das Vermasseln der daraus resultierenden Bewährungsstrafe als PR-Aktion einer offensichtlich favorisierten Berufsgruppe zu nutzen. Es würden nun nicht sämtliche, unter dem Existenzminimum schabende, selbsthypende Naildesign-like-your-favourite-celebrity-and-Coffee-to-go-Artist-Studios sich zu Werbeplakaten wie

„Sonderaktion!

Bei 1 x „fuck u“-  und 2 x „asshole“-Schriftzug auf Ihren Fingernägeln bekommen Sie gratis die

„Du Hurensohn“-Haarspange und den

„Deine Mudda …“-Kaffeebecher-to-show

zum Selberausfüllen dazu!“

hinreißen lassen.

Wieviel Leid und welche Qualen hättest Du der Menschheit ersparen können?

Vielleicht hätte ich dann durch die obligatorische Busverspätung auch nicht die entscheidende Deutschunterrichtstunde verpasst, in der einem nachdrücklich erklärt wird, dass Endlosschachtelsatzkonstruktionen ganz erheblich den Lesefluss beeinträchtigen können?

Wer weiß das schon? Aber die Vermutung liegt verdammt nah.

Wer braucht schon Godot?

Juni 2nd, 2010 § 1 Kommentar

Bei aller Bescheidenheit, eins steht fest: wir Menschen haben das Warten perfektioniert. Wir haben uns zu wahren Warte-Fetischisten evolutioniert und thronen im Ambrosiarausch auf dem Olymp der Warterei.

Ununterbrochenes Warten zieht sich durch unser ganzes Leben: man wartet auf die Bahn, den Kellner, das Wochenende, eine Antwort, gutes Wetter, dass das Wasser endlich kocht, den richtigen Moment oder die zündende Idee.

Aber die Warterei hat völlig zu unrecht einen ruinierten Ruf. Großartiges Potenzial verbirgt sich hinter dem fälschlicherweise nur passiven und entscheidungsunfreudigen Mitbürgern zugesprochenen Zeitvertreib!

Natürlich verschafft das Warten auf das Essen dem Restaurant einen höheren Getränkeumsatz. Aber längst nicht nur das! Viel fantastischer, dass das Warten uns ausdrücklich dazu auffordert, über die erforderliche, aber nie erreichte motorische Mindestgeschwindigkeit einer semiprofessionellen Bedienung zu fachsimpeln oder anhand der Kleidungswahl der Nebentischwuchtbrumme deren Dioptrienzahl zu schätzen – so trainieren wir unsere soziale Kompetenz und der notwendige Zusammenhalt der Herde wird gestärkt.

Ebenso sensationell ist, dass wir den Frauenzeitschriftenkolumnistinnen ermöglichen, ihre Gucci-Täschchen-mit-Swarovski-Anhänger-in-Herzchenform-Sammlung auf titanische Größe auszuweiten, indem sie mit uns darüber diskutieren – falsch: in der Annahme bekräftigen, dass das weitere Warten auf ein Lebenszeichen des erhofften Mr. Frog-to-Prince bei unseren selbstverständlich glasklar ausgesandten Signalen reine Zeitverschwendung ist. Prompt werden wir zu Fitnesskursen, Fortbildungsseminaren oder surrealistisch-expressionistischen Acrylmalereistunden überredet, in denen wir – na was wohl? – darauf warten, dass irgendsowas wie eine positive Wirkung eintritt.

Das Warten bietet dem ab dem Zeitpunkt der Nabelschnur-Trennung nölungsbedürftigen Menschen die optimale Open-Source-Plattform, jegliche Verantwortung in die kalten Hände Fremder zu übergeben und wir nutzen diese Möglichkeit, wo wir nur können. Die rote Ampel ist Schuld an der Unpünktlichkeit, die Sekretärin im Fahrstuhl will ja sowieso nicht mit anderen Menschen reden und – natürlich wäre ich gleich noch joggen gegangen, aber es hat nicht aufgehört zu regnen und nun ist es dunkel!

In der Zwischenzeit warten wir darauf, dass der PC hochfährt, dass die Bestätigungsmail der Online-Bestellung ankommt und auf  das Klingeln des Paketdienstfahrers.

Nach dem Warten ist vor dem Warten.

Aber der Weg ist ja schließlich das Ziel und so…ihr wisst schon. ;-)

Einmal gepoppt…

Mai 19th, 2010 § 6 Kommentare

…nie mehr gestoppt.

Den selbstauferlegten Auftrag der retroverliebten Webwerbegenies erkennt man schnell, wenn man sich ab und an über die Eintrittsschwelle des Worldwidewebs klickt. Alternative Primitivdogmen wie

-Je voller, je doller-

-Wer wegklicken kann, verliert-

oder auch

-Eben noch auf der Lieblingshomepage, jetzt schon auf dem Weg ins supergünstige 5-Sterne Hotel mit Vollpension inklusive  Erholungsgarantie und Gratis-aufblasbarer-Bora-Bora-Schwimminsel wenn Sie in den nächsten 30 Sekunden buchen-

kommen aber ähnlich treffend in Frage.

Die Werbeidiotenkreativlinge haben es scheinbar irgendwie geschafft, sich der kollektiven Gehirnwäsche zu unterziehen, dass dem unwissenden Nutzer nur lange genug eine Werbung vor die Nase getackert werden muss, damit er die selbstverständlich vorhandene Genialität dahinter erkennt. Selbst der unwürdigste Websurfer müsse doch irgendwann den heißbegehrten und natürlich nur zweitrangig lukrativen *klick* machen – wer könne sich schon buntblinkenden, komplettbildschirmbedeckenden, nutzerprofilabgestimmten Links entziehen – es ist doch alles nur zu seinem Besten!

So entwickelt sich gerade der vermutlich hinterfieseste Massen-Nervmord, seit die erste Programmierzeile eines Pop-Ups das Licht des Monitors erblickt hat.

Webwerbung ist dreister, aufdringlicher und unerwünschter, als es die losen Werbeprospekte in Zeitschriften je werden können. Ob man will oder nicht, schiebt sich flächendeckend nach Aufrufen der Zielhomepage das Uninteressanteste vor den Zeiger, was man im ganzen Netz hätte finden können. Hinterlistig wird dann Zeit geschunden, in dem man aus den erlösenden Schließ-Buttons eine Suche nach einer mit Flecktarnmuster bemalten Nadel im Regenwald macht.  Nach dem hektischen Klick ruft dann die Erkenntnis maßloses Entzücken hervor, dass man statt „Schließen“ nun doch „Werbehomepage-im-selben-Fenster-Öffnen“ erwischt hat und mindestens genauso oft hegt man den innigen Wunsch, dass die Verantwortlichen in just diesem Moment die eigenen Gedanken lesen könnten.

Freudige Überraschungsjauchzer erklingen vor heimischen Monitoren auch, wenn das Internetabenteuer beendet werden soll. Das Schließen des Browser offenbart einen Dreckstall an liegengelassenen Rest-Werbefetzen, die sich unter dem aktiven Browserfenster klammheimlich auf den Desktop gestohlen haben. Nun ist erstmal aufräumen angesagt.

Einige Webseiten vermitteln trügerische Sicherheit. Keine von diesen bunt flackernden Bannern rechts, links, ober-, unterhalb oder mitten in den um Seriösität bemühenden Inhalten.

Das über die Jahre anerzogene Misstrauen lässt einen trotzdem angespannt warten, während sich der hypersensibilisierte Zeigefinger für den blitzschnellen, mikrometerpräzisen Klick in Position legt.

… 1 Sekunde

… 2 Sekunden

… 3 Sekunden

- nichts.

Entwarnung. Mit einem erleichterten Seufzen rechnet man es der Webseite hoch an, so selbstlos das Vertrauen nicht enttäuscht und die hohen Ansprüche erfüllt zu haben und möchte in dankbarer Ehrfurcht die Nutzerdaten zum Einloggen eingeben.

„3…2…1…MEINS!“

Aaarrrrgh!!!

Ich schwöre mir *fingerkreuz* hoch und heilig, nie, nie, nie wieder Benutzernamen-Eingabefelder anzuklicken…

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