Wer braucht schon Godot?
Juni 2nd, 2010 § 1 Kommentar
Bei aller Bescheidenheit, eins steht fest: wir Menschen haben das Warten perfektioniert. Wir haben uns zu wahren Warte-Fetischisten evolutioniert und thronen im Ambrosiarausch auf dem Olymp der Warterei.
Ununterbrochenes Warten zieht sich durch unser ganzes Leben: man wartet auf die Bahn, den Kellner, das Wochenende, eine Antwort, gutes Wetter, dass das Wasser endlich kocht, den richtigen Moment oder die zündende Idee.
Aber die Warterei hat völlig zu unrecht einen ruinierten Ruf. Großartiges Potenzial verbirgt sich hinter dem fälschlicherweise nur passiven und entscheidungsunfreudigen Mitbürgern zugesprochenen Zeitvertreib!
Natürlich verschafft das Warten auf das Essen dem Restaurant einen höheren Getränkeumsatz. Aber längst nicht nur das! Viel fantastischer, dass das Warten uns ausdrücklich dazu auffordert, über die erforderliche, aber nie erreichte motorische Mindestgeschwindigkeit einer semiprofessionellen Bedienung zu fachsimpeln oder anhand der Kleidungswahl der Nebentischwuchtbrumme deren Dioptrienzahl zu schätzen – so trainieren wir unsere soziale Kompetenz und der notwendige Zusammenhalt der Herde wird gestärkt.
Ebenso sensationell ist, dass wir den Frauenzeitschriftenkolumnistinnen ermöglichen, ihre Gucci-Täschchen-mit-Swarovski-Anhänger-in-Herzchenform-Sammlung auf titanische Größe auszuweiten, indem sie mit uns darüber diskutieren – falsch: in der Annahme bekräftigen, dass das weitere Warten auf ein Lebenszeichen des erhofften Mr. Frog-to-Prince bei unseren selbstverständlich glasklar ausgesandten Signalen reine Zeitverschwendung ist. Prompt werden wir zu Fitnesskursen, Fortbildungsseminaren oder surrealistisch-expressionistischen Acrylmalereistunden überredet, in denen wir – na was wohl? – darauf warten, dass irgendsowas wie eine positive Wirkung eintritt.
Das Warten bietet dem ab dem Zeitpunkt der Nabelschnur-Trennung nölungsbedürftigen Menschen die optimale Open-Source-Plattform, jegliche Verantwortung in die kalten Hände Fremder zu übergeben und wir nutzen diese Möglichkeit, wo wir nur können. Die rote Ampel ist Schuld an der Unpünktlichkeit, die Sekretärin im Fahrstuhl will ja sowieso nicht mit anderen Menschen reden und – natürlich wäre ich gleich noch joggen gegangen, aber es hat nicht aufgehört zu regnen und nun ist es dunkel!
In der Zwischenzeit warten wir darauf, dass der PC hochfährt, dass die Bestätigungsmail der Online-Bestellung ankommt und auf das Klingeln des Paketdienstfahrers.
Nach dem Warten ist vor dem Warten.
Aber der Weg ist ja schließlich das Ziel und so…ihr wisst schon.
Mal wieder köstlich… ymmd
!
> dass das weitere Warten auf ein Lebenszeichen des erhofften
> Mr. Frog-to-Prince bei unseren selbstverständlich glasklar
> ausgesandten Signalen reine Zeitverschwendung ist