Die fabelhafte Welt der Zeitvernichter

September 12th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ab und zu stellt man sich Fragen. Zum Beispiel,

…ob der Kaugummivorrat in der Büroschreibtischschublade noch für die nächste Woche reicht oder man beim Wochenendeinkauf lieber Nachschub besorgen sollte,

…wie lange genau die Blätter noch dicht genug an den Bäumen bleiben, um den aus unerfindlichen Gründen ewig aufgeschobenen Gardinenkauf noch möglichst weit hinauszuzögern

…oder ob da ganz unten in dem seit einer Woche unausgeleerten Papierkorb nicht doch lebensmittelgewesenes Schimmelpotenzial lauert und man sich mit der deshalb bald zu erwartenden Fliegenplage arrangieren könnte.

Manchmal fragt man sich aber auch Tiefgründigeres:

  • Weshalb folgt Bill Gates mir eigentlich nicht auf Twitter?
  • Wieso säuft sich Paris Hilton nicht mal in meinem Wohnzimmer mit Fremdschämgarantie ins Koma?
  • Warum hat mich Donald Trump noch nie nach meiner Meinung zu seiner Haarverlegetechnik gefragt?

Obwohl selbstverständlich jedes einzelne dieser Ereignisse lebensaufopfernde Investitionen wert wären, bin ich  erstmal an der erschreckenden Tatsache hängengeblieben, dass ich, um überhaupt nur höchst theoretisch in den Wahrnehmungsfrequenzbereich dieser “Who’s who der Portokassenoptimierer”-Titelseitenpersönlichkeiten zu gelangen, in meinem Leben schlichtweg noch nicht genug Ruhm und Geld verdient habe.

Ich habe nicht lange überlegen müssen, was zu diesem nicht wegzudiskutierenden Zustand geführt hat:

Ich verschwende einfach viel zu viel Zeit mit unwichtigem Schnickschnack!

Und – welch Überraschung – “Youuuu are not alone” jauchzte mir meine innere Jacko-Stimme ins Ohr: ca. 99,9% meiner Erdmitvernichter ebenfalls.

 

Würde irgendwer Bares dafür bekommen, könnte man es als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bezeichnen, aber die herzzerreißend hingebungsvolle Zeitverplemperei ist überflüssiger als ein Blinddarm in einem Make-up-Döschen und hindert uns daran, Nobelpreise zu gewinnen, Weltfrieden zu stiften oder der Omi über die Straße zu helfen.

Vielleicht sind die übersprungshandlungsgleichen Zeitfresseraktionen aber auch höherbestimmt. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb man Stunden, Tage und irgendwann vielleicht sogar Wochen damit verbringt, extra für Facebook jede einzelne Pore, jeden Bad-Hair-Day und jeden Tunnelblick-5-Minuten-bevor-ich-mir-die-Seele-aus-dem-Leib-gekotzt-habe abzufotografieren, zu archivieren, zu beschriften,  und jedem, der nicht schnell genug das Stromkabel durchhacken konnte, ohne Ignorierungsmöglichkeiten präsentiert.

Zur bekennenden Zeitverschwendungsgruppe schlechthin als Twitternutzerin gehörend, beobachte ich selbst gerne stundenlang, wie “Tweets” [Anm. d. Bloggerin: 140 Zeichen-lange Echtzeit-Statements] den Prozess der Enstehens, des “Favens” [Anm. d. Bloggerin: mit Sternchen versehen und offiziell für gut befinden], des “Retweetens” [Anm. d. Bloggerin: Mit Hinweis auf den Originalautor wiederholen] erleben und durch den daraus ermittelten “Fickwunschverdacht” [Anm. d. Bloggerin: Guckstu lieber hier (Anm.v.08.10.: wird gerade überarbeitet)] wieder in den Kreislauf der Aktualität zurückgeführt werden. Ein faszinierendes Naturschauspiel… *seufz*

Meine eigene Spezialität befindet sich in den Untiefen einer Musikbibliothek. Schier unerschöpfliches Potenzial befindet sich hier zum Kategorisieren, Infos Ergänzen, Abspiellisten Erstellen und vor allem: CD Cover aus dem Internet Suchen und Zuordnen! Das kleine Persönchen an den 3.000.000 kleinen Schubladen in meinem Kopf springt bei jedem vollständig inforisierten Lied vor Freude in die Luft, schließt die Schublade zu und -wirft den Schlüssel weg!

Wer nämlich glaubt, dass ich diese Infos irgendwann mal wieder abrufe oder gar iTunes’ Coverflow verwende…     *tssss*

Und so haben sich alle ihre Nischen gesucht. Möchtegernstalkingopfer erstellen nach jedem Schritt einen neuen 4square-Punkt, an dem sie fortan täglich einchecken, andere durchspielen ein einziges PS3-Spiel wieder und wieder, nur um sämtliche Trophäen nach der Schritt-für-Schritt-Walkthrough-Lösung aus dem Internet ihren Freundeslisten zu präsentieren und einige ganz Unbeirrbare verbringen Endlosigkeiten damit, ihre Ablage nach Datum, Absender und Inhalt abzuheften owohl sie ganz genau wissen, dass der gesuchte Zettel immer der ist, der in den falschen Ordner gerutscht ist.

…so, ich geh’ jetzt meine Oberteile nach Farbe sortieren.

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