Ich kann ja auch anders…das kleine Sarkasmus-Time-Out:

Oktober 19th, 2010 § 1 Kommentar

Die beim Web-2.0-Normleser typischerweise vorhandene Selbstüberschätzung der eigenen Kombinations- und Interpretationsfähigkeit, hat sicherlich bei dem einen oder anderen den völlig abstrusen Eindruck erweckt, dass sich hinter meinen so liebevoll ausgewählten und mit Leben gefüllten Artikelthemen eine verbitterte, menschenverachtende und bemitleidenswerte Sozialinkompetenz befindet. Dies stimmt zu einem Siebenfünfachtel (verstoßene, sowie erwunschträumte multiple Persönlichkeiten mit eingerechnet), das andere Vierdreizwölftel möchte ich nun endlich mit der Menschheit teilen und die restlichen Dreißigeinachtel behalte ich lieber für mich (Attention please, embedded Freak-Leckerli).

Nein, ich kann wirklich anders. Meistens mag ich zwar nicht, aber im goldenen Schein der ersten, durch Unterdrückung vorhandener pyromanischer Adern friedlich flackernden Kerzenflämmchen löst sich in mir nun der Wunsch, einen Brocken der Verwirrung in die Welt zu werfen. Ganz getreu dem Motto: Es ist doch nichts langweiliger als Vorhersehbarkeit.

„Ich mag Menschen.“

So, zack!

Nein, halt:

„Ich mag Menschen, die überraschend handeln“.

Das ist besser.

Zwar kann ich nicht leugnen, dass auch Menschen, die mich negativ überraschen, eine gewisse Art der „Anerkennung“ von mir zugesprochen bekommen, aber – wie im vorangegangenen Abschnitt durch die Verwendung der euphemistischen Adjektive zaghaft angedeutet – geht es diesmal um Menschen, die positiv überraschen.

Menschen, die freiwillig positiv überraschen.

Menschen, die anonym und freiwillig positiv überraschen.

Das widerspricht jeglichen philosophischen Grundsätzen des Egoismus’ als Antrieb allen menschlichen Handelns, an die ich mein Leben lang glaubte und deren Argumentationskreis sich bisher auch stets schloss, deshalb irritiert mich das so.

Seit ich selbst im vor interaktiv-kontraerwartungsgemäß handelnden Individuen strotzenden Web 2.0 unterwegs bin, begegnet mir zu meiner anfänglichen Verwunderung immer öfter diese eigendynamische, friedliche Selbstjustiz.

Sei es, dass in Foren vor „Trollen“ gewarnt wird, dass diskriminierende Ausrutscher einen „Shitstorm“ auslösen, oder dass fehlender Respekt, missachtete „Netiquette“ oder absichtlich schlampiger Schreibstil einstimmig gerügt und mit sofortiger Ignoranz geahndet wird.

Kaum irgendwo in der realen Welt wird unaufgefordert so mikrometerkariertkleinlich auf den richtigen Umgangston, Sinnhaftigkeit von Beiträgen oder auch die Grenze zwischen Legal- und Illegalität hingewiesen.

Einen Schritt weiter geht es, wenn es sich um zwischenmenschliche Themen handelt. Dann sitzen wildfremde Menschen vor Rechnern und verbringen Stunden, Tage und Wochen damit, sich seitenlange Lebensratschläge, Problemlösungsansätze, Diskussionen und Trost zu liefern, ohne das Gegenüber jemals zu sehen, Honorar oder irgendeine andere Art der Anerkennung dafür zu bekommen, oftmals sogar nicht eindeutig als Mann oder Frau zu identifizieren sind, ganz zu schweigen von Sozialschicht, Altersgruppe oder Nationalität.

Obwohl ich ganz und gar nicht auf flüssige Ausscheidungssekrete in für deren Produktion unbeteiligte Schleimhäute stehe, treiben mir Geschichten wie diese das ekelhaft oft verwendete, sprichwörtliche „Pipi in die Augen“. So viel Anteilnahme, motivierende Energie bis hin zu realistischer finanzieller Hilfe würde wohl kaum einer bekommen, der sich in die Einkaufspassage stellt, fremden Menschen erzählt, er müsse bald sterben und versucht, lediglich ein tröstendes Wort zu bekommen.

Ein Fall, den ich selbst neulich auf der Plattform Twitter miterlebte, hatte ein ähnlich sagenhaftes Ergebnis: trotz prinzipiell berechtigter Zweifel an der Authentizität solcher Vorfälle, wurde Himmel, Hölle und alles was dazwischen liegt in Bewegung gesetzt, um den Erfolg eines gerade angekündigten und durchgeführten Selbstmordversuches zu vereiteln. Da wurde getweetet, retweetet, gesimst und telefoniert, bis die Info schließlich zu näherer Bekanntschaft mit Kontaktdaten vorgedrungen war, die unverzüglich eine Rettung organisierten. In allerletzter Minute, wie sich kurze Zeit später, meiner Meinung nach auch glaubwürdig genug, herausstellte.

Durch solche Fälle, die vermutlich tagtäglich passieren, wird die Welt, die durch das Internet sicherlich ein kleines bisschen schlechter geworden ist, in meinen Augen wieder ein klein wenig besser. Denn sie zeigen, dass Menschen, die sich unbeobachtet fühlen, nicht nur in der Nase popeln, sondern tatsächlich zu aktiv angewandtem Mitgefühl fähig sind. Teilweise sogar eher als in der Realität, wo eine nicht unverbreitete Angst davor herrscht, nicht „richtig“ helfen zu können (z.B. Unfälle), sich selbst in Gefahr zu bringen (Stichwort Zivilcourage) oder auf gefälschte Hilferufe (z.B. Bettler“mafia“) reinzufallen.

 
 
 

So…Sarkasmus-Time-out vorbei, im nächsten Artikel wird wieder über irgendeine verhaltensauffällige Randgruppe gemosert.

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§ Eine Antwort auf Ich kann ja auch anders…das kleine Sarkasmus-Time-Out:

  • abaelard sagt:

    Huhu,

    volle Zustimmung, dass es auch nette, coole, gutmeinende Menschen in diesem wilden Internet gibt, aber gut gemeint ist wie immer im Leben nicht immer gut gemacht.
    Gerade in den von Dir beschriebenen Beispiel Suizid kann das auch ganz schnell kippen. Ein depressiver Post in einem Forum wird falsch aufgefasst, ein eifriger Leser fängt an zu recherchieren und zu twittern, am Ende steht die Polizei vor der Tür und der Poster landet in der Psychatrie… klingt weit gedreht, aber dergleichen soll schon passiert sein. Hab ich genauso versichert gelesen, wie die guten Geschichten.
    Cetero censo weiß ich natürich auch nicht, ausser: immer denken und alle Seiten betrachten. Sogar im Internet :-)
    Und jetzt freue ich mich auf weitere Sarkasumus-in-and-out-time-stories von einer meiner Lieblings-Schachtelsatz-Konstrukteurinnen.

    a.

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