Ich bin irre, also bin ich

November 28th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zu schade, dass es nicht häufiger passiert.

Jeder Tschakka!-Motivationstrainer wäre ein lächerlicher Vorprogrammspieler gegen eine simple, höhere Frequenz solcher ehrgeizboostender Ereignisse.

Vermutlich würden durch noch regelmäßigere Nahrung als jetzt schon die dadurch anwachsenden Kräfte zu unkontrollierten Riesenscheusalen mit 27 Armen werden und einmal entfesselt zuerst die Weltherrschaft an sich reißen und danach universenweit DAS verbieten:

Fußballspiele zu Feierabendzeiten

Meine Stimme hätten sie, das steht fest.

Wer jetzt das kleinste “Aber…”-Piepschen von sich gibt oder den Finger einen Nanometer Richtung Aufstand erhebt, dem lege ich SUBITO Arme und Beine in Ketten, klemme ihm Streichhölzer zwischen Lider und Nasenlöcher und schleife ihn auf meinem Nachhauseweg hinter mir her, wenn gerade wieder die ignoranten Intelligenzbolzen von geldgierigen Organisatoren zum gesellschaftlichen Anglotzen kniebestrumpfter Halbstarker aufgerufen haben.

Einsicht ist mir gewiss. Wer nach einem Arbeitstag als unbeteiligter, nichtfußballfanatischer Nüchterner bestimmte öffentliche Verkehrsmittel besteigt, hat es auch nicht anders verdient, eine durch einen Maschinenfehler doppelt bepackte Sardinendose wäre verglichen mit der fußballfanbestopfter S-Bahn ein idyllisches Naherholungsgebiet.

Das “Ich-vereine-Körperausdünstungen-aller-100-Wageninsassen”-Kondensat an den Fenstern verschleiert den Anblick, der sich von außen auf die Kuschelmeute Irrer in Einheitstracht ergibt. Wer – wie ich – keine Lust hat, das Feld zu räumen und den eigenen Feierabend zugunsten des Quetschkomforts dieser Temporärverrückten zu opfern, versucht alle für Sinneswahrnehmungen bestimmten Körperöffnungen zu schließen und sich vor dem Eintreten in die reizüberflutende Lebendhölle in einen autistischen Zustand zu versetzen.

Mit geöffneten Bierdosen unter der Nase, in selten gewaschene, müffelnde Fanshirt-Achselhöhlen zwangseingekuschelt, die alkoholfahnen- und sammelschweißgeschwängerte Luft einsaugend, verharre ich in einer Bewegungsstarre, die jeden Stein neidisch machen würde.

Ich zähle die Sekunden.

Jede Station wird zum Sauerstofflieferanten in letzter Sekunde, bevor mich das erlösende Schwarz mit schwerkraftdemonstrierenden Auswirkungen erreichen kann. Aber die Angst vor der Bierlache auf dem Boden und das Mantra “gleichvorbeigleichvorbeigleichvorbei…” nährt meinen Lebenserhaltungstrieb. Wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden, sorgt eine gute-Laune-Welle für Suizidgedanken: mit einer Lautstärke-schlägt-richtigen-Ton-Einstellung pflanzt sich simultanes Gebrülle durch den ganzen Wagen, begleitet von Koloss-Schunkelungen, die meine Steinstarre einer wachsweichen Sofortresignation widerspruchslos weichen lässt.

 

…die Welt geht unter…

…sind das meine letzten Minuten?

…anders kann es in der Hölle auch nicht sein…

Hilfeeeeee! Holt mich hier raus!!!!

 

*Pfffffft*

Mit einem Seufzer öffnet sich die Höllenpforte. Wie eine angepiekste Wasserbombe entlädt sich das Wageninnere durch den geöffneten Spalt nach draußen und lässt mich und wenige andere erschöpfte Überlebenskünstler in der Bahn zurück. Gemeinsames Kopfschütteln und vor Erleichterung hysterisches Lachen macht aus Fremden die nächsten zwei Minuten Freunde. Bis zur nächsten Station. Da muss ich raus.

Ruhe.

Feierabend.

Uff.

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