Nimm dies, Du..Du…..ähhh….

Dezember 13th, 2010 § 11 Kommentare

“Du kannst mich mal.”

“Und Du mich erst.”

“Ach ja?”

“Ja.”

“Na dann…”

Darf ich vorstellen: Mrs. “Immer-zweimal-mehr-wie-du” beim kl(t)äglichen Scheitern an angewandter Verbalschlagfertigkeit.

In neuester Fachliteratur als das “Du-mich-auch”-Syndrom bekannt, gilt diese kreativ-linguale Subentwicklung als äußerst schwer behandelbar und geht  meistens mit akutem Nerdismus, postnataler Uncoolness oder einer freakophilen Grundeinstellung einher.

Was sich durch das gesamte Leben zieht, ist in frühen Jahren noch mit simplen Algorithmen lösbar. Auswendig gelernte Parolen machen im Grundschulalter jedes bösartig heranwuchernde Zicklein mundtot. Kommt wer mit “Du blöde Kuh!” an, scannt man sich per Randomverfahren durch das Retourkutschen-Verzeichnis und entscheidet sich für das den Schlagfertigkeitsfähigkeiten angemessene Totschlagargument:

“Selber, selber, da lachen ja die Kälber!”.

Begleitet von einem nur Kindern vorbehaltenen, bestialischen Grinsen, vorgetragen in traumatisierendem Horrorfilmvorlagen-Singsang, sorgen seit jeher die einen für die späteren Psychotherapiekosten der anderen.

Das scheinbar auf Dauerwettkampf programmierte Wesen “Mensch” entwickelt seine Fähigkeiten mit den Jahren aus purer Angst vor evolutionstheoretisch bedingter Auslese weiter und passt sich seiner Umgebung an. Aus dem gerngenutzten kuhjungtierdiskriminierenden Spruch entwickelt sich kurze Zeit später die “…wenn-der-Topf-aber-nun-ein-Loch-hat”-Taktik:

“Spiiiegel!”

“Doppelt Spiegel!”

“Spiegel mit Selbstschussanlagen!”

“Spiegel mit selbstschussanlagenzerstörenden Automatiklasern!”

…etc.

In  marianengraben-niveautechnisch angesiedelten Gruppen reift dagegen über die Jahre ein einziger Ausdruck als allmächtges Wundermittel heran:

“…deine Mudda…”

In beliebigem Satzkontext eingebaut, macht es jeden Gegner noch im selben Moment mundtot. Es sei denn natürlich, dieser versucht seinen Herausforderer mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen und entfacht dadurch ein selbstredend nicht persönlich gemeintes Erzeugerinnen-Shitstorm-Ping-Pong. Ehrgeizige Spieler trainieren teilweise täglich bis ins hohe Alter ihre Konditionen mit erstaunlichen Ergebnissen.

Während in anderen Schichten mit Wikipedia-Artikeln geschossen wird, lässig-neunmalklug auf die vorwurfsvolle Google-Seite verwiesen wird, gibt es nur eine einzige Gruppe, die ich um ihre Fähigkeiten uneingeschränkt beneide. Denn die wahre Schlagfertigkeit lässt sich nicht auswendig lernen oder auf wiederkehrende Schemata anwenden, wie manch kommerziell motivierte Coaches oder Websites einen glauben machen wollen.

Die wahre Schlagfertigkeit ist individuell, kontextbezogen, immer einen Hauch dreister, als man es erwarten würde, balanciert einen Haarspalt unter der Grenze zur Beleidigung und wirkt durch gekonntes Minenspiel charmant, obwohl einem die beidseitige Backpfeife in den Fingern juckt. Künstler der wahren Schlagfertigkeit haben viele Freunde, sind erfolgreich und haben immer ein Brötchen mehr in der Tüte, als sie bezahlt haben.

Voilà, c’est moi!

Ich bin eine echte Meisterin der Schlagfertigkeit, glänze mit rhetorischer Kreativität, immer perfekt auf den Gesprächspartner abgestimmt, verblüffend unvorhersehbar, könnte durch raffinierte Selbstvermarktung als “Konter-Fee” ganze Länder aus ihren finanziellen Miseren befreien.

Es gäbe nur eine Voraussetzung:

 

 

man müsste mir einen klitzekleinen Zeitanhalter erfinden.

 

 

Denn all das, alle kreativen Ideen, alle perfektionierten Satzkonstruktionen und Argumentationen, die den Gesprächspartner mit offenem Mund sprachlos zurücklassen, laufen durch ungeschickt gewählte Wege leider 1,25 Einsätze zu lange durch meine Gehirnwindungen. Was dann zum Vorschein kommt, ist so nutzlos wie ein Tacker in einer Origamigruppe, denn es ist schlicht zu spät. Auf meiner Stirn prangt in blutroter Leuchttinte bereits der Stempel “uncool”.

Und so friste ich mein Dasein als ewige Schlagfertigkeitstheoriequeen und hoffe, dass meine Bild- und Tonspurasynchronität irgendwann mal repariert wird. In der Zwischenzeit überlege ich, ob das Zurückgreifen auf das bewährte “Selber!” eine Verbesserung oder eine Verschlechterung der Situation wäre.

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§ 11 Antworten auf Nimm dies, Du..Du…..ähhh….

  • Maitia sagt:

    Echt weltklasse! :)
    Man sollte den Like-Button in einen Love-Button umbenennen!! :D
    Liebe Grüße

  • Yvonne sagt:

    Super toller Artikel! Ich finde mich selber sowas von gut wider. Daumen hoch und schöne Weihnachten wünsche ich dir!

  • Yvonne sagt:

    …wieder meine ich natürlich. ;-)

  • EL sagt:

    Tja: Spontaneität ist, was Dir 5 min später einfällt…

    Wünsch Dir ein frohes neues Jahr :)

  • Peter sagt:

    Jepp! geht mir ähnlich..
    obwohl grade im Beziehungsalltag mein Mund IMMER schneller ist als mein Hirn – was mir viele Nachdenk-Nächte auf der der Straf-Couch (die Super-Nanny lässt grüßen) statt im heimischen Bett beschert hat, kehrt sich die verbale Konterfähigkeit im normalen Leben ins Gegenteil. Bis ich eine passende schmerzende, vor Sarkasmus triefende und die umstehenden Zuschauermengen zu Beifallsstürmen in Form von Standing Ovations im Hirn zusammen gebastelt habe, um die dem Zong von gegenüber Fehdehandschuhgleich ins Gesicht zu werfen, ist mein Gegenüber meistens schon gegangen…
    Deshalb mag ich auch Twitter nicht – bis ich da was geschrieben habe, ist der Thread schon geschlossen.. :-)

    • sophiapolis sagt:

      Wirklich beruhigend, dass sich in dem Kosmos der ungenutzten Schlagfertigkeitsphrasen noch mehr armselige Kreaturen tummeln.

      Ich bin dafür, eine Selbsthilfegruppe für all die Antworten zu gründen, die unausgesprochen und ungehört im undankbaren Nichts verpufft sind.

      • Peter sagt:

        Ah ja – also mit anderen Worten eine Therapiegruppe für Verbal-Wachkomatöse..
        Hört sich interessant an. Ich spende dann mal die Buschstaben A, D, W und H. Wenn jeder ein paar Buchstaben spendet, haben wir einen tollen Grundstock, um damit alle Wörter (nein, alle Antworten des Universums) zusammen zu basteln.
        Und sach noch mal armselige Kreatur, Du.. Du.. du.. ach verdammt.. ich überlegs mir und sag’s dir Morgen.. :-) .

  • MH-One sagt:

    Counterfeit or Konter-Fee, klauen wir nicht alle ein bißchen überall um zu beeindrucken? Authentiztät ist der Schlüssel zu aller Schlagfertigkeit, dann ist das Beeindrucken gar nicht mehr so schwerwiegend!

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